Janine & Tom Plüss

el fuego por viajar

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Mit dem Plattenmonster über den höchsten Pass Argentiniens

12. - 19. Mai 2010

In Molinos (2020 m.ü.M) haben wir uns so gut erholt, dass wir auf übermütige Ideen kamen und uns entschieden, einen Umweg über den Abra de Acay (4895 m.ü.M) zu wagen.

Ein bisschen Neuschnee war nicht die Herausforderung beim Erklimmen des Abra del Acay.

Voller Tatendrang wollten wir uns in Molinos auf die Räder schwingen, da bemerkten wir eine Platte an Janines Velo. Somit verzögerte sich die Abfahrt um eine gute Stunde, denn wir nutzten die Situation, die geschenkt bekommenen Schwalbe Marathon Pneus auf die Hinterräder zu montieren. Bereits nach 20 km war der Reifen wieder platt und wir beschlossen, im kleinen Dörfchen Seclantas zu campieren und unsere Velos nochmals ein bisschen zu flatieren.

In den folgenden zwei Tagen holperten wir pannenfrei, aber langsam über Sand- und Kiespisten gegen den Wind bis nach Poma (3000 m.ü.M). Nach tagelangem blauen Himmel zog bedrohliche Bewölkung auf - Einheimische bestätigen uns, dass es in dieser Nacht schneien würde aber am nächsten Tag alles wieder gut sein sollte. So liessen wir uns vom Wetter nicht aufhalten und nahmen am Folgetag die erste Hälfte des Anstieges unter die Räder.

Auf dem Weg nach Poma..grünes Tal und rauhe Felsformationen.Einige Bach-Furten bescherten uns kalte Füsse.

Auf 3900 m.ü.M, beim letzten Haus vor dem Pass wohnen tatsächlich ganzjährlich zwei Lama-Hirtinnen in einfachsten Verhältnissen. Bei ihnen durften wir unser Zelt windgeschützt aufstellen.

Zelten auf der Lama-Alp (3900 m.ü.M)Lama-Hirtin Flavia vor ihrem zu Hause.

Am nächsten Morgen begrüsste uns eine schneegepuderte Landschaft und ein platter Reifen, welchen wir zum Dessert des Frühstückes im Zelt reparierten. Um 9 Uhr waren wir startbereit für die letzten 15 km und knapp 1000 Höhenmeter. Höhe und Gegenwind machten uns zu schaffen - somit brauchten wir gut 6 Stunden bis zum höchsten Punkt. Erschöpft, aber überglücklich, dass wir es geschafft hatten, machten wir unsere "Gipfelfotos" und freuten uns auf die Abfahrt.

Geschafft: Abra del Acay

Doch es kam anders: Der Gegenwind war im Luv noch stärker - was wir den ganzen Aufstieg nicht wahrhaben wollten - so mussten wir die ersten 100 m ein Velo nach dem andern zu zweit gegen den Wind schieben. Glücklicherweise verzogen sich die Wolken und die Sonne schenkte uns Wärme. Obwohl die Schwerkraft uns bei der Abfahrt unterstützte, versuchte der Wind mit seinen sandigen Böen uns aufzuhalten und wir kämpften uns Kurve um Kurve abwärts.

Schwer atmend sehnten wir uns nach der 4000-Meter-Linie, welche wir an diesem Tag jedoch nicht mehr erreichen sollten. Auf 4400 m.ü.M schlug das Plattenmonster wieder zu - es blieb uns nichts anderes übrig, als das Velo wieder fahrtüchtig zu machen. Noch vor dem Eindunkeln mussten wir einen geeigneten Zeltplatz finden und übernachteten auf 4200 m.ü.M.

Sturm- und sanddicht verpackt.

Die Nacht war sternenklar, der Wind bissigkalt - doch unser Zelt bot uns genügend Wärme und Schutz. Am anderen Morgen war nicht nur der nahe Bach gefroren, sondern auch unsere Wasservorräte im Zelt. Mit Eis-aufkochen verdienten wir unser Frühstück und waren um 11 Uhr wieder startklar, um den Rest des Abstiegs in Angriff zu nehmen.

Auf 3800 m.ü.M trafen wir auf die geteerte Verbindungsstrasse. Von hier aus genossen wir Rückenwind und mussten nur noch den Abra Blanca (4100 m.ü.M) überqueren. Nach der Passhöhe erwartete uns die bisher längste Abfahrt unseres Lebens, welche wir auf drei Tage aufteilten (3000 hm, 140 km). Dabei erreichten wir Spitzengeschwindigkeiten von über 70 km/h. Zwei weitere Platten drückten aufs Gemüt, konnten uns aber nicht aufhalten. In Salta empfingen uns frühlingshafte Temperaturen und wir genossen für ein paar Tage das Stadtleben.

Unzählige Kurven hinunter auf der längsten Abfahrt unseres Lebens.